Als ich ein kleines Mädchen war…

Schreiben gegen Rechts

Als Anfang der 90er Jahre die letzte „Flüchtlingswelle“ über Deutschland rollte, war ich ein kleines Kind. Aber ich erinnere mich, dass unsere Mutter meine Schwester und mich ein paar mal mit ins „Asylantenheim“ nahm, weil sie dort Feste für Flüchtlingskinder organisierte. Die letzte Feier, zu der sie uns mitnahm, war eine Weihnachtsfeier. Wir packten noch am Morgen Geschenke ein, backten Kuchen und bastelten Deko. Beim Fest unterhielt sich meine ältere Schwester lange mit einem afghanischen Jungen, sie hatte einen tollen Tag, am Ende tauschten die beiden Telefonnummer aus. Ein paar Tage gingen ins Land, es wurde Weihnachten. Meine Schwester und ich waren ganz im Tannenbaumschmücken versunken, als das Telefon klingelte, meine Mutter abnahm und wir ein entschiedenes „Nein, das geht nicht. Die ist nicht da!“ von ihr hörten, kurz bevor sie auflegte. Wir mussten nicht lange bohren, man sah ihr das schlechte Gewissen sofort an. Am Telefon war der afghanische Junge gewesen, der sein weniges Taschengeld in den Münzapparat im Asylantenheim gesteckt hatte, um meiner Schwester frohe Weihnachten zu wünschen. Weiterlesen

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Bundeswettbewerb Klimaschutz im Radverkehr

Bundeswettbewerb Klimaschutz im Radverkehr

Zu den Dingen, die man auf jeden Fall mal erlebt haben sollte, gehört: mit dem Fahrrad vom Stadtteil Nørrebro ins Stadtzentrum von Kopenhagen fahren. Fahrradfahren ist hier nicht wie in Deutschland – nicht nur ein Hobby, ein „Mal-raus-kommen“, sich bewegen, die frische Brise um die Nase wedeln lassen… Fahrrad fahren in Kopenhagen ist Mobilität, gleichberechtigt mit anderen Verkehrsmitteln, geht oft schneller als mit Bus, Bahn, Auto.

Vor allem ist es ungewohnt. Denn man muss ein bisschen Angst haben. Es ist nicht die Angst des Radfahrers in München, vom Auto übersehen zu werden. Oder die Berliner Radfahrer-Angst, auf der gewählten Route doch keinen Radweg vorzufinden. Auch nicht die Angst des Radliebhabers aus Halle vor den Pflastersteinen. Oder die des Coburgers vor den Bergen, die einem die letzte Puste rauben. In Kopenhagen hat man Angst vor den anderen Radfahrern. Den sie sind viele, fahren in 3 Spuren nebeneinander, in die man sich wie auf der Autobahn einzuordnen hat, sie klingeln, drängeln und geben ordentlich Gas. Radfahren in Kopenhagen ist Alltag. Überall gibt es Fahrradständer, Fahrradwege, Fahrradwerkstätten, Autospuren werden zugunsten von Radspuren gestrichen und verkleinert, usw.

Wunderbar humorvoll beschreibt die dänische Fahrradoffenbarung übrigens Marlene Hofmann in ihrem Buch: 1 Jahr in Kopenhagen.

Aber darum soll es hier heute eigentlich gar nicht gehen. Sondern um einen Wettbewerb des Bundesumweltministeriums, an dem sich Kommunen, Unternehmen sowie Einrichtungen und Vereinigungen in öffentlicher oder privater Trägerschaft mit Modellprojekten zum Thema Radverkehr bewerben können. Mehr Fahrradwege, Ladestationen für Pedelecs, Radkuriere, Fahrradparkplätze, usw. kurzum: deutsche Städte sollen ein bisschen dänischer werden. Weiterlesen

Ist der Osten wirklich fremdenfeindlicher als der Westen?

Fremdenfeindlichkeit Ost West

Wer aus einem ostdeutschen Bundesland stammt, wird derzeit ja leider ständig mit der Frage konfrontiert: „Warum sind da drüben eigentlich viele so fremdenfeindlich?“ Aber sind es wirklich so viele? Meine Bekannten und Freunde sind es nicht. Beziehungsweise sind sie auch nicht fremdenfeindlicher als meine Bekannten im Westen. Der alltägliche Rassismus (z.B. Misstrauen und Vorurteile gegenüber Menschen, die anders aussehen oder mit Akzent sprechen) ist meiner Meinung nach in ganz Deutschland gleich stark ausgeprägt, genauso wie die Angst, dass der Einfluss von anderen Kulturen unsere Gesellschaft schlechter machen könnte oder das Migration nach Deutschland unseren Wohlstand gefährden könnte. All das begegnet mir regelmäßig in Bayern, Hessen und Baden-Württemberg genauso wie Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt.

Was sich meiner Meinung nach tatsächlich unterscheidet, ist die Organisation und die Extremisierung von Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland, die hier wesentlich stärker ausgeprägt ist. Weiterlesen

Engagement im Museum: Bilderpaten

Vor einiger Zeit habe ich ja bereits berichtet, was Bürgerschaftliches Engagement in Museen bedeuten kann. Heute will ich euch noch einmal ein herausragendes Beispiel vorstellen:

Die Bilderpaten des Lindenau-Museums in Altenburg

Bilderpaten Lindenau-Museum Altenburg

Das Lindenau-Museum in Altenburg ist weltweit für seine Sammlung italienischer Tafelmalerei aus dem 13. bis 16. Jahrhundert bekannt. Darunter Werke von Botticelli, Lorenzetti und  Santi.

Doch was nützt dem Lindenau-Museum seine wertvolle Sammlung? Das Museum liegt tief im Osten Thüringens. Von Besucherströmmen wie sie in Berlin, Frankfurt oder München bei ähnlichen Sammlungen üblich wären, kann in Altenburg nur träumen. Der öffentliche Etat für Kunst und Kultur wird immer knapper, viele Bilder sind in einem schlechten Zustand, müssten restauriert werden.

Im Lindenau-Museum arbeitet jedoch kein fest angestellten Bilder-Restaurator und das Budget für Restaurierungen beträgt gerade mal 4000 Euro im Jahr. Ein vielfaches wäre nötig, um gerade mal einen Bruchteil der Sammlung angemessen zu erhalten.

Aus der Not heraus entstand eine innovative Idee mit weitreichenden Folgen: Weiterlesen

Nachhaltigkeits-Check: Pflastersteine vs. Asphalt

Fabian Pickel, der sich seit 2010 auf einer Reportage-Reise quer um den Globus befindet, wettert in seiner neusten Video-Botschaft über Bolivien, welches seine 5 Prozent ausgebauten Straßen lieber pflastert als mit Stoßdämpferfreundlichem Asphalt zu renovieren. Fabians Resümee: Straßenbau in Bolivien ist noch wie bei den alten Römern.

Die Straßen und Pflastersteine der Römer haben jedoch lange durch gehalten und viele dieser Römerstraßen sind noch heute gut erhalten oder bei Ausgrabungen leicht auffindbar. Das bringt mich zu der These: Kopfsteinpflaster mag dem Raser und Autofreund Schweiß auf die Stirn treiben. Ist die Technik aber für klamme Kommune das Mittel der Wahl, weil Pflastersteine langlebiger, robuster und möglicherweise sogar nachhaltiger sind als Teer und Asphalt?

Pflastersteine vs Asphalt Weiterlesen

Innovative Mobilitätskonzepte im ländlichen Raum

Der demografische und strukturelle Wandel trifft vor allem den ländlichen Raum. Bevölkerungsabwanderung oder Schrumpfung bedeutet dann Infrastrukturverlust oder gezielte Einsparungen in der Versorgungsstruktur. Rückbau und Schrumpfung sind die aktuellen Schlagworte im Regionalmanagement. Gleichzeitig stehen die Kommunen unter immensen Spardruck, können die Kosten für Straßen und den ÖPNV kaum noch abdecken.

Der kleinen Tante-Emma-Läden oder Konsum hat bereits vor Jahren dicht gemacht. Zum Arzt, zum einkaufen, zur Bank, zur Post, zum Amt, zur Reinigung – muss man in den nächst größeren Ort, die nächst Stadt pendeln. Gerade die heutige Generation 75+, von denen ein Großteil nie einen Führerschein hatte oder aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr hat, steht hier vor einer Herausforderung. Natürlich helfen Familie, Freunde und Nachbarn mit dem Auto mal aus – aber von einer eigenständigen Versorgung ist man oft weit entfernt. Denn oft ist der einzige Bus, der noch fährt der Schulbus. Morgens um 7 in die eine Richtung, nachmittags halb 3 in die andere. Für ältere Menschen ist das eine Zumutung. Schüler und Pendler haben nun mal andere Mobilitätsbedürfnisse als Senioren.

Klar, der mobilen Bäcker, Fleischer, fahrende Händler und der Bofrostmann springen in die Lücke. Aber längst haben Kommunen, Bürgerinitiativen und auch Unternehmen das Problem, aber auch Potential von innovativen Mobilitätskonzepten im ländlichen Raum erkannt. Vernetzte Mobilität, gemeinschaftliche Nutzungsformen sowie flexible Formen des ÖPNV – Ideen gibt es bereits viele.

Im Folgenden findet ihr daher eine kleine Ausfall an best-practice-Beispielen, die zeigen, dass es auch anders geht: Weiterlesen

Ende der Sportvereine?

Der Wegweiser-Kommune.de Blog postete gestern den Artikel Demografischer Wandel – das Aus für den Vereinssport?. Grundaussage des Beitrags: Gerade in ländlichen Regionen, wo Sportvereine ein wichtige soziale Funktion übernehmen (Jugendarbeit, Engagementkultur, usw.) gehen die Mitgliedszahlen zurück. Ursache dafür ist vor allem die Abwanderung in Städte und damit einhergehend sinkende Geburtenraten, sprich fehlender Nachwuchs.

Ich möchte dies gar nicht bestreiten, aber an dieser Stelle noch wichtige Punkte hinzufügen.

Individualisierung

Die Interessen und die Möglichkeiten haben auch auf dem Dorf zugenommen. Hobby muss nicht mehr = Sportverein sein. Freizeitgestaltung kann auch individuelles joggen, bloggen, nähen uvm. sein. Ein Verein bedeutet auch immer eine Verpflichtung, die sich zwar in der Regel lohnt, aber in die man Zeit, Engagement und Sozialverhalten investieren muss. Weiterlesen