Als ich ein kleines Mädchen war…

Schreiben gegen Rechts

Als Anfang der 90er Jahre die letzte „Flüchtlingswelle“ über Deutschland rollte, war ich ein kleines Kind. Aber ich erinnere mich, dass unsere Mutter meine Schwester und mich ein paar mal mit ins „Asylantenheim“ nahm, weil sie dort Feste für Flüchtlingskinder organisierte. Die letzte Feier, zu der sie uns mitnahm, war eine Weihnachtsfeier. Wir packten noch am Morgen Geschenke ein, backten Kuchen und bastelten Deko. Beim Fest unterhielt sich meine ältere Schwester lange mit einem afghanischen Jungen, sie hatte einen tollen Tag, am Ende tauschten die beiden Telefonnummer aus. Ein paar Tage gingen ins Land, es wurde Weihnachten. Meine Schwester und ich waren ganz im Tannenbaumschmücken versunken, als das Telefon klingelte, meine Mutter abnahm und wir ein entschiedenes „Nein, das geht nicht. Die ist nicht da!“ von ihr hörten, kurz bevor sie auflegte. Wir mussten nicht lange bohren, man sah ihr das schlechte Gewissen sofort an. Am Telefon war der afghanische Junge gewesen, der sein weniges Taschengeld in den Münzapparat im Asylantenheim gesteckt hatte, um meiner Schwester frohe Weihnachten zu wünschen.

Die Empörung, die Fassungslosigkeit über das Verhalten meiner Mutter hat sich tief bei meiner Schwester und mir eingebrannt. Sie hatte uns Nächstenliebe, Toleranz und Offenheit gepredigt, aber im entscheidenden Augenblick versagt. Ich weiß, dass alle Eltern für ihre Kinder das Beste wollen, ihnen am liebsten alles Leid der Welt ersparen wollen – aber was hätte denn schlimmstenfalls passieren sollen? Noch heute beobachte ich solches zwiegespaltenes Verhalten bei meinen Eltern. Sie haben Freunde in aller Welt, lieben andere Kulturen und Länder und sind gleichzeitig der Meinung, dass Muslime und Christen nicht auf Dauer friedlich zusammen leben können. Sie kennen sich gut in Geschichte aus und erinnern ständig an das römische Reich und an Napoleon, wo das auch schon schief ging.

Sie gehören zu der Generation, die uns naiv nennt, wenn wir sagen, dass der Mensch aber lernfähig und wandelbar ist und sich Gesellschaft ständig fortentwickelt. Sie merken nicht, dass wir längst friedlich zusammen leben. Junge Menschen wie wir haben mit Yusuf im Wohnheim gelebt, mit Ümihan auf St. Pauli gefeiert, mit Tamar Referate vorbereitet und mit Jekatharina zusammen gearbeitet. Wir waren zum Auslandssemester in Israel, Peru und Indien. Wir haben keine Angst vor Multikulti. Wir glauben nicht, dass es etwas zu verlieren gibt, wenn Menschen verschiedener Religionen und Kulturen sich auf Augenhöhe begegnen. Die heilige Kuh der abendländischen Kultur heißt für uns Solidarität und gegenseitige Hilfe und Anerkennung. Sie geht für uns unter, wenn wir unsere europäischen Urväter in Griechenland und Italien mit dem Flüchtlingsstrom allein lassen -nicht wenn Muslime mit uns in unserem Land leben wollen.

Wir schütteln zwar verstört den Kopf, wenn unsere muslimische Freundin nach der Hochzeit ihre Ausbildung abbricht, um sich ihrer neuen Rolle zu widmen. Und wir sind genervt, wenn wir kurz nach der anstrengenden Entbindung unseres ersten Kindes mit einer feiernden muslimischen Großfamilie zusammen im Krankenhauszimmer untergebracht sind. Aber vor allem schämen wir uns für unser Land, wenn unser dunkelhäutiger Kommilitone verprügelt und verschrammt nach der letzten Mensaparty am Montagmorgen wieder in der Vorlesung erscheint. Wir sind die, die seit Jahren keine Dorffeste mehr besuchen, weil dort nur noch die Nazis trinken. Wir sind die, die unsere Kinder nicht mehr zum Fußballtraining schicken, weil sie dort ständig rechte Parolen hören. Auch wir kennen uns aus in Geschichte und denken an unsere geistig behinderte Großtante, die bei Hitler an plötzlichem Herzversagen starb und unsere Schwiegereltern, die einst aus Schlesien flohen. Wir blicken mit Wut im Bauch auf brennende Flüchtlingsunterkünfte.

Wir hören die Rufe: „Wir sind das Volk!“ und denken: Ja, aber wir sind es auch.

 

Nur um das klar zu stellen: Meine Eltern sympathisieren weder mit Pegida, noch mit der AFD – im Gegenteil. Aber auch Alltagsrassismus, Vorurteile und Angst nähren die rechte Szene, die in meiner Heimat Thüringen gerade immer präsenter wird. Wenn da nur ein Funke Hoffnung besteht, sollten wir uns stark machen für die Werte, die meine Eltern mir als Kind vermitteln wollten: Nächstenliebe, Toleranz und Offenheit. Ein kleiner Beitrag dafür ist dieser Blogpost, den ich gerne zur Blogparade „Schreiben gegen Rechts“ von der wunderbaren Anna Schmidt aus Berlin hinzu füge.

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5 Gedanken zu “Als ich ein kleines Mädchen war…

  1. Danke für diesen ganz persönlichen Post, insbesondere der guten Beschreibung des oft zwiespältigen Verhaltens, das nur durch Abbau von Angst und durch Kennenlernen des „Fremden“ überwunden werden kann.Unvoreingenommen aufeinander zugehen, das ist mein Motto.
    Ganz liebe Grüsse,
    Claudine

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  2. Es ist eben alles sehr vielschichtig und kompliziert. Tatsache ist aber, dass viele gebildete junge Menschen ganz selbstverständlich mit anderen jungen Menschen zusammen lachen, feiern, studieren und ganz selbstverständlich zusammenleben. Leider ist das nicht überall und immer so …
    LG, Ingrid

    Gefällt 1 Person

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