Beginnt Alltagsrassismus schon im Kindergarten?

Rassismus

Als ich meinen Sohn diese Woche vom Kindergarten abholte, konnte er sich kaum losreißen, da die Kinder gerade leidenschaftlich in das Spiel „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“ vertieft waren. So stand ich also am Zaun vom Garten und beobachtete dieses uralte Spiel, welches aus meiner Erinnerung schon völlig verschwunden gewesen war. Und da ich in den letzten Jahren mehrere Anti-Diskriminierungs-Seminare und Trainings durchlaufen musste, schluckte ich und fragte mich unwillkürlich, ob dieses Spiel heute eigentlich noch gespielt werden sollte? 

Zu Hause gab ich das ganze erst mal in die Suchmaschine ein und erfuhr, dass mit dem schwarzen Mann der Totengräber gemeint ist, der sich der Pestopfer annimmt. Also grundlegend erst mal kein Rassismus.  Gut, könnte man denken. Haken dran. Sollen sie weiter spielen. Aber irgendwie ließ mich das Thema nicht los.

Schwarz ist böse, unheimlich, fremd

Abgesehen davon, dass sich einige Kinder im Kindergarten tatsächlich persönlich angegriffen und diskriminiert fühlen könnten (weil ja heute keiner mehr weiß, um wen genau es sich beim schwarzen Mann eigentlich handelt), brennen sich Spiele, Geschichten und Kindheitssymbole ganz tief in das Unterbewusstsein ein. Summieren sich und tragen zur Identität bei. Und Alltagsrassismus, darunter die Angst vor „Schwarzen“, ist immer noch Kinderalltag. Über die 10 kleinen Negerlein braucht man ja schon lang nicht mehr reden – das leuchtet mittlerweile vielen ein. Aber nicht nur im Kartenspiel ziehen wir den absolut negativen schwarzen Peter. Pippi Langstrumpf schwärmt von ihrem Vater dem Negerkönig und seinem Heimatland Kenia, wo übrigens alle Leute den ganzen Tag über lügen. Bei den drei ??? sind die Bösewichte regelmäßig dunkelhäutig (und tätowiert) oder schlitzäugig… usw.

Das alles sind kleine Bruchstücke, Bilder, die in Kinderköpfen hängen bleiben. Und in allen Spielen, Geschichten und Büchern werden nun mal auch grundlegende Werte und Normen einer Gesellschaft transportiert.

Ausreden und Abwehrmechanismen

Ja, Nigger & Co war früher nicht rassistisch, bla bla… Heute wissen wir es besser (abgesehen davon, dass es auch früher diskriminiert hat, da hat es nur keinen außer die Diskriminierten gestört). Uns hat es auch nicht geschadet? Und ob! Wie schwer tun wir uns mit Alltagsrassismus?! Fühlen uns persönlich angegriffen und entwickeln Abwehrreflexe, wenn wir allein auf Sprach-Diskriminierungen wie Schwarzfahren, Schwarzarbeit oder z. B. schwarze Magie angesprochen werden. Niemals geben wir zu, dass wir Ängste und Vorurteile gegenüber anderen haben. Wie ungern reflektieren wir überhaupt, oder überwinden uns, aus Nostalgie geliebte und vertraute Spiele, Lektüre oder Kindheitshelden über Bord zu schmeißen.

Genauso gut könnte mein Sohn  in Zukunft aber spielen: „Wer hat Angst vorm bösen Mann? vorm Rattenfänger? vorm Zauberer? vor Donald Trump?“ Ich werde es beim nächsten Elternabend mal vorschlagen…

Buchtipp zum Thema Alltagsrassismus: Noah Sow: Deutschland Schwarz Weiß 

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3 Gedanken zu “Beginnt Alltagsrassismus schon im Kindergarten?

  1. Warum muss man heute jedes Wort auf die Goldwaage legen? Ich kenne all diese Spiele auch aus meiner Kinderzeit uns bin in keinster Weise traumatisiert.
    Lass die Kinder spielen, mit der entsprechenden Erklärung, warum und weshalb man heute dieses oder jenes nicht sagen sollte, dürfte das kein Problem sein.
    Wie viele Märchen müsste man demzufolge streichen?

    Wenn die Kinder erst einmal in der Schule sind, spielen sie ganz andere Sachen, haben eine andere Sprache, bei denen Eltern erst mal glauben, das sei nicht ihr Kind.

    Ich bin der Ansicht, mit einer kindgerechten Erklärung kann man solche Dinge „entschärfen“.

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    • Ach, ich glaub auch nicht, dass die Kinder da traumatisiert werden. Aber eben auch nicht sensibilisiert. Und warum kann man nicht auch mal reflektieren und was zur Nit ändern oder streichen. Wir singen doch auch nicht mehr die 3. Strophe der Nationalhymne, oder irgendwelche Pionierlieder mit den Kindern. Aber klar, reden hilft. Und sicher kann man die Spiele weiter spielen. Aber nachdenken und reden über Reformen kann man ja mal.

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