Ist der Osten wirklich fremdenfeindlicher als der Westen?

Fremdenfeindlichkeit Ost West

Wer aus einem ostdeutschen Bundesland stammt, wird derzeit ja leider ständig mit der Frage konfrontiert: „Warum sind da drüben eigentlich viele so fremdenfeindlich?“ Aber sind es wirklich so viele? Meine Bekannten und Freunde sind es nicht. Beziehungsweise sind sie auch nicht fremdenfeindlicher als meine Bekannten im Westen. Der alltägliche Rassismus (z.B. Misstrauen und Vorurteile gegenüber Menschen, die anders aussehen oder mit Akzent sprechen) ist meiner Meinung nach in ganz Deutschland gleich stark ausgeprägt, genauso wie die Angst, dass der Einfluss von anderen Kulturen unsere Gesellschaft schlechter machen könnte oder das Migration nach Deutschland unseren Wohlstand gefährden könnte. All das begegnet mir regelmäßig in Bayern, Hessen und Baden-Württemberg genauso wie Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt.

Was sich meiner Meinung nach tatsächlich unterscheidet, ist die Organisation und die Extremisierung von Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland, die hier wesentlich stärker ausgeprägt ist. Natürlich gab es Rassismus auch schon in der DDR. Er wurde nur genauso vom System unterdrückt wie alle anderen Weltanschauungen, die nicht Sozialismus hießen. Nach der Wende haben die Rechtsextremen allerdings die ideologische Lücke, die in vielen Institutionen frei wurde, genutzt und schnell eine Netzwerk und Rekrutierungssystem entwickelt, von dem sie heute noch profitieren. Viele Sport- oder Heimatvereine, aber auch die freiwillige Feuerwehr sind von Rechtsextremen unterlaufen, die ohne Hemmungen ihre Ideologie verbreiten. Das schlimme ist: Alle wissen davon, aber kaum Bürger wehren sich dagegen. Oft bleibt die einzige Maßnahme, sein Kind eben nicht mehr in diesen Verein zum Fußballtraining zu schicken. Kein Bürgermeister, kein Gemeinderat bäumt sich auf, streicht womöglich Fördergelder oder spricht Verbote aus. Kein Vater traut sich öffentlich zu sagen: Mit diesem Verein sollen meine Kinder nichts zu tun haben! Keine Mutter fordert öffentlich, dass die Rechten aus den Vereinen geschmissen werden. Warum? Aus Angst? Weil in den Vereinen ja niemand zu Schaden kommt? Weil es im Osten so wenig Menschen mit Migrationshintergrund gibt, dass kaum jemand einen Bekannten hat, dem schon mal Schaden durch Rechte zugefügt wurde?

Tatsächlich kannte ich bis zu meinem Umzug aus Thüringen nach Hamburg eigentlich niemanden, der nicht in Deutschland geboren wurde oder dessen Eltern aus einem anderen Land kamen. Umso mehr verwundert es mich, wenn jemand aus Thüringen zu mir sagt: „Die integrieren sich ja nicht! Die Frauen leben 20 Jahre hier und sprechen kein Wort Deutsch.“ Hast du jemals eine dieser Frauen getroffen? Klar, in Hamburg gibt es sie. Doch dort stört es eigentlich kaum jemand, weil Hamburg sich schon immer als Multikulturelle Metropole verstand, in der jede Kultur und Sprache willkommen ist. Oft werde ich auch mit der Frage konfrontiert, was dann aus unserer Kultur wird unter all dem Einfluss anderer Religionen und Kulturen? Was soll damit werden? Kulturen und Gesellschaften verändern sich. Unsere deutsche Kultur ist nicht so heilig und vollkommen, dass man Veränderungen tieftraurig bedauern müsste.

Die meisten Menschen in Ostdeutschland haben schlichtweg keine Erfahrung mit Menschen anderer Kulturen. In der DDR war der Kontakt zu den wenigen Gastarbeitern ausdrücklich unerwünscht. Noch heute ist der Migrationsanteil in ostdeutschen Bundesländern viel geringer als in westdeutschen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die meisten Menschen, egal aus welchem Bundesland sie stammen, im unmittelbaren Kontakt mit Migranten bemüht und hilfsbereit sind.

Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht? Oder sehr ihr das Thema in einem ganz anderen Licht?

Das Thema sowie weitere Unterschiede zwischen Ost und West habe ich übrigens neulich beim ZDFinfo-Stammtisch in Berlin disktutiert. Die Sendung wird am 9.11.2015 um 14.30 Uhr auf ZDFinfo ausgestrahlt.

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4 Gedanken zu “Ist der Osten wirklich fremdenfeindlicher als der Westen?

  1. Mit der institutionalisierten Organisation dunkelbrauner Truppenteile und auch die professionelle Nachwuchsaquierierung durch Jungendarbeit hast du recht. Dort, wo vor Ort kein Geld mehr ist für Jugendarbeit oder ein Klubhaus, helfen gewisse Organisationen gerne aus. Manchmal frage ich mich, ob es nicht teilweise auch eine mediale Verzerrung in der Darstellung gibt. Ich habe hier vor Ort Jugendliche und Organisationen und auch Fußballvereine getroffen, die sich für Flüchtlinge und Einwanderer engagieren, die Straßenfeste veranstalten, Einwanderer mit auf Stadtführungen und nach Hause an den Mittagstisch nehmen, die Möbel und Sachspenden für Flüchtlingswohnungen sammeln und die Cafés für Einwanderer und Deutsche anbieten. Findet überregional keine Erwähnung, denn das würde das Gesamtbild vom braunen Osten stören. Gibt es eigentlich Statistiken?

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    • Zumindest was die Agressivität, die Übergriffe, rassistisch motivierte Gewalttaten angeht, spricht die Statistik leider ganz klar gegen „uns“. Statistiken über Hilfsbereitschaft sind hingegen rar. Das gibt es lediglich Studien zum Thema Engagement, wobei das oft nur organisiertes Engagement umfasst und neuere Daten im Zuge der Flüchtlingshilfe noch gar nicht erfasst sind. Und selbst wenn, würde ich nicht die These wagen, dass das Engagement im Osten stärker ist. Aber du hast Recht. Viele Menschen in ostdeutschen Bundesländern machen sich aktuell für Flüchtlinge stark, auch ich kenne einige davon. Leider spricht kaum einer von den Freiwilligen Helfern in Gera, Leipzig oder gar Dresden. Sicher, die Hotspots der Not und damit auch der Helfer sind woanders. Trotzdem sollten die Helfer in Ostdeutschland mehr gewürdigt werden, denn eine Reduktion auf rassistisch motivierte Übergriffe ist ein Schlag ins Gesicht für alle Engagierten!

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      • Ich glaube auch nicht, dass sich hier mehr Leute engagieren, aber es gibt diese Leute genau wie es die vielen Gegendemonstranten bei Nazi-Demos gibt, nur dass sie oft nicht erwähnt werden. In der Folge verfestigt sich das Bild immer weiter. Vermutlich riskiert man angesichts der konkreten Extremisten in manchen ostdeutschen Städten auch mehr als beispielsweise in Hamburg. Aber positionieren muss man sich.

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  2. Pingback: ZDFinfo – Stammtisch zum Thema Ost West | Förderband Nachhaltigkeit

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