Konsument ab Tag 1

Muttermilch oder Fertigmilch

Ob Muttermilch oder Fertigmilch, die Werbeindustrie hält für jedes Baby ein paar Must-Haves bereit…

Stillterror in Deutschland

Obwohl ich Kind 1 fast 1,5 Jahre gestillt habe und auch unser Kind 2 aktuell wieder stille, bin ich grundsätzlich gegen den Stillterror, den frischgebackene Mütter in den Kliniken, bei den Hebammen, beim Kinderarzt über sich ergehen lassen müssen. Bereits beim Frauenarzt wird man über die Vorteile des Stillens aufgeklärt, beim Vorgespräch in der Klinik folgt eine Hymne auf das Stillen. Noch aufdringlicher wird’s direkt nach der Geburt, wenn man das Kind im Kreissaal sofort an die Brust gelegt bekommt. Daraufhin folgen viele Lektionen von Hebammen, Kinderärzten und Krankenschwestern, die sich in den nächsten Monaten immer wieder dazu berufen fühlen, umfangreiche Oden an das Stillen zu singen. Und wehe man sagt, man stillt nicht gern oder möchte gar nicht stillen. Das ist im babyfreundlich zertifizierten Deutschland mittlerweile fast zum Tabu geworden.

Ja ja, stillen ist das Beste für mein Kind…

Ich stille gern und hoffe, dass ich damit etwas für die Allergieprophylaxe (und was es sonst noch alles für gesundheitliche Vorteile geben soll…) meiner Kindern tun kann. Ich finde stillen nachhaltiger und auch praktischer als Flaschenmilch. Trotzdem sollte die Entscheidung jeder Mutter selbst überlassen sein. Wer nicht stillen mag oder die ersten schmerzhaften Wochen nicht durchstehen kann, der soll es von mir aus ruhig lassen. Die Kinder werden trotzdem groß und tragen keinen nennenswerten psychischen Schaden davon. Zumindest war das bei mir, meiner Schwester und meinen Eltern so, die wir alle der stillunfreundlichen Gesundheitspolitik der DDR zum Opfer fielen, wo es wichtiger war, dass die Frauen schnell wieder arbeiten und nicht womöglich von ihrem Kind davon abgehalten werden. Zwar gab es damals viele Muttermilch-Sammelstellen, aber vermutlich vor allem deshalb, weil die Qualität der Fertigmilch nicht gerade ideal war.

Milchpulver, was heute verkauft wird, ist im Vergleich dazu sehr hochwertig und enthält alle wichtigen Vitamine und Nährstoffe, die ein Baby so braucht (auch wenn wertvolle Antikörper, Fettsäuren und andere Stoffe fehlen, die es mit der Muttermilch gratis gibt).

Trotzdem ist Werbung für Muttermilchersatzprodukte (wie es so schön heißt) seit2006 EU-weit verboten.

Diese Richtlinie ist eine Folge des Internationalen Kodex für die Vermarktung von Muttermilchersatz, der anscheinend immer noch hochaktuell ist, wie ich erst letztens in einer TV-Dokumentation sah. Anscheinend machen immer noch viele Produzenten von Babymilch aggressiv Werbung in Entwicklungsländern. Sie verteilen kostenlose Probepackungen und bieten in den Kliniken Informationsveranstaltungen zur Babyernährung an. Viele der armen Mütter glauben teure Fertigmilch wäre für ihre Kinder gesünder als Muttermilch. An der Situation, dass die nötigen Hygiene und sauberes Trinkwasser aber fehlt, um die Fertigmilch herzustellen, hat sich aber in den letzten Jahren nichts geändert. Viele der Kinder, die in Entwicklungsländern mit Muttermilchersatzprodukten ernährt werden, erkranken immer wieder an Magen-Darm-Viren, die nicht selten zum Tod der Säuglinge führen.

Konsument und Zielgruppe von Geburt an

Milchpumpe, Babyfläschchen

Was man als stillende Mami angeblich so alles braucht….

Man möchte meinen, die großen Babymilch-Konzerne können den Muttermilch-Kodex in Entwicklungsländern leichter umgehen, weil das Rechtsystem dort mit größeren Übeln beschäftigt ist. Aber auch in Deutschland wird die Zielgruppe der frischgebackenen Mütter mit Säuglingen sofort ins Visier genommen. Werbung für Folgemilch gibt es in Fernsehen und Zeitschriften ja ohnehin zu Hauf. Aber auch beim Kinderarzt bekamen wir zur ersten Untersuchung als Begrüßungsgeschenk zum Beispiel eine bunte Plastikdose von Hipp, die zur Aufbewahrung von Milchpulver gedacht ist. Dazu gabs eine Babyflasche mit Sauger für Neugeborene und reichlich Informationsmaterial von Hipp (falls man zufüttern muss, weil die Milch nicht reicht).

Aber auch die Still-Industrie schläft nicht.

In der Apotheke bekam ich auch ein Begrüßungsgeschenk, als ich mit Kind 2 in der Babyschale das erste Mal dort auftauchte. Dort gab es allerdings vor allem Werbung von Milchpumpenherstellern und Pharmakonzernen, die Still-Vitamine vertreiben.

Wahnsinn, was so ein Baby-Konsument außer Mamas Brust angeblich alles von Geburt an braucht…

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3 Gedanken zu “Konsument ab Tag 1

  1. Interessant! Da habe ich ja tatsächlich gänzlich andere Erfahrungen gamcht! Alles in alem habe ich nun bereits 5 Jahre gestillt- weder wurde ich aufgeklrt, dass es gut war, noch hat mit außer meiner Hebamme irgendjemand geholfen. Im KH hies es: Sie wollen stillen? Sprachs und verließ den Raum. Erst zu Hause, als mich meine Hebi besuchte, bekam ich hilfe. Auch beim Kinderarzt eher verhaltene Freude. Mit Kind 1 wurde ich als sie 4 Wochen alt wat in einem Kaffee gebeten, sie bitte auf dem Klo zu stillen, da hier gegessen wird… Kind 2 hats sogar in die Medien geschafft, weil uns ein Lokal mit gestilltem Kleinkind nicht mehr haben wollte… Und ich stille wirklich diskret 🙂
    Werbung habe ich bei Kind 1 unmengen bekommen: Plastikflaschen, Plastikdosen, Milchpuverproben…. bei Kind2 gab es nichts, vielleicht auch deswegen, weil ich von vornherein schon gesgt habe ich mag kein Plastik… Also ja, ich gehe vollkommen konform mit dir, jeder soll das tun, was er kann und mag, und sollte sich dafür nicht rechtfertigen müssen… aber meiner Erfahrung nach muss man sich eher als Stillende rechtfertigen.
    Viele Grüße und danke trotzdem für deinen Aufruf zu Toleranz 🙂

    Gefällt 3 Personen

    • Ja, eigentlich hast du Recht. Der Stillterror dauert eigentlich nur die ersten 5 Monate. Spätestens mit dem 1. Geburtstag des Kindes kehren sich die wohlwollenden Worte zum Stillen in Skepsis um. Die Erfahrung hab ich auch gemacht.
      Stillen in der Öffentlichkeit ist noch mal ein anderes Thema. Obwohl ich zum Glück noch nicht aufs Klo geschickt wurde. Da liegt das Problem eher an mir, dass ich mich oft schäme, wenn Baby 2 leidenschaftliche Trinkgeräusche macht oder parallel zum Stillen lautstark die Windel voll macht.
      Tatsächlich habe ich letztens aber noch ein größeres Tabu als stillen in der Öffentlichkeit entdeckt: Milch abpumpen in der Öffentlichkeit!
      Danke, dass du deine Erfahrungen so offen mit uns teilst!
      Liebe Grüße, Antonia

      Gefällt 2 Personen

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