Umweltschädliche Arzneimittel

Umweltschädliche Medikamente

Medikamente werden für den Menschen entwickelt. Sie machen uns wieder gesund, schmerzfrei, verlängern unser Leben. Dass es auch zahlreiche Nebenwirkungen von Medikamenten gibt, ist uns mittlerweile bekannt. Aber auch auf biologische Kreisläufe, Pflanzen und Tiere haben Medikamente Auswirkungen. 70 Prozent eines eingenommenen Medikaments werden wieder ausgeschieden und gelangen so ins Abwasser. Viele Menschen spülen alte Medikamente auch immer noch in der Toilette runter, so manche Tablette ist sogar schon im Biomüll gelandet. Kläranlagen und Abwassersysteme filtern Medikamente nur teilweise heraus. Wissenschaftler beklagen seit langem, dass sich Medikamentenrückstände in Grundwasser, Oberflächengewässern und sogar im Trinkwasser nachweisen lassen, Menschen und auch Tiere entsprechende Effekte und Nebenwirkungen zeigen.

Aufgefallen ist zum Beispiel Diclofenac, ein Wirkstoff gegen Schmerzen. Er schädigt Leber und Nieren von Fischen. Hormone, vor allem Östrogene aus den Anti-Baby-Pillen, bringen den Hormonhaushalt von männlichen Fischen durcheinander. Sie verweiblichen, produzieren Eizellen anstatt Spermien und pflanzen sich nicht mehr fort. „Fische reagieren auf Hormone viel sensibler als Menschen“, erklärt Thomas Ternes von der Bundesanstalt für Gewässerkunde.

Beruhigungsmittel, die durch das Abwasser in Gewässer gelangen, führen zu furchtlosen und unsozialen Fischen, die schneller als normal essen. Diese Veränderungen im Verhalten können schwerwiegende ökologische Folgen haben. Das zeigten Forscher der Universität Umeå in der renommierten Fachzeitschrift Science.

Doch was können wir dagegen tun?

Für den Verbraucher ist klar: alte Medikamente sollten fachgerecht entsorgt werden. Das ist aber für den Einzelnen schwierig geworden, seit Apotheken nicht mehr verpflichtet sind, Medikamente zurück zu nehmen. Also landen die Restbestände aus dem Arzneimittelschrank im Hausmüll, wo sie möglicherweise danach jahrelang auf Deponien lagern und sich einen Weg ins Grundwasser suchen.

umweltschädliche Medikamente

Viele Menschen glauben, sie tun der Umwelt etwas Gutes, wenn sie Arzneiflaschen aus Glas entleeren, spülen und zum Recycling tragen. Das Gegenteil der Fall.

3 Tipps die jeder berücksichtigen kann, hat die Verbraucherzentrale Sachsen zusammengestellt:

  • Wer nur kleine Mengen an Medikamenten kauft, hat später auch kein Entsorgungsproblem.
  • In Entsorgungsgebieten, die an Müllverbrennungsanlagen (MVA) angeschlossen sind, können abgelaufene oder nicht mehr benötigte Arzneien in die graue Restmülltonne geworfen werden. Das gilt auch für angebrochene Glas-Fläschchen. Die Wirkstoffe der Medikamente verlieren bei der Verbrennung ihre ökologische Schädlichkeit.
  • In Entsorgungsgebieten, die an eine mechanisch-biologische Abfallbehandlungsanlage (MBA) angeschlossen sind, sollten die Altmedikamente bei der Sondermüllsammlung oder, sofern möglich, in Apotheken abgegeben werden. Leere Arzneimittel-Fläschchen gehören in den Restmüll, weil sie aus anderem Glas sind als herkömmliche Flaschen, leere Pillen-Blister-Verpackungen in den gelben Sack und leere Pappschachteln zum Altpapier.

Die Deutsche Umwelthilfe fordert hingegen seit langem, Medikamentenhersteller zu einem Rücknahmeprinzip zu verpflichten, wie es bereits bei Elektrogeräten oder Batterien üblich ist. Es braucht ein einheitliches Sammel-System und kostenlose Lösungen für den Verbraucher, um falsche Entsorgung zu vermeiden.

Sensilibisierung von Ärzten und Medizinstudenten

Die Universität Witten Herdecke hat nun zusammen mit dem Institut für sozialökologische Forschung in einem Pilotprojekt begonnen, Medizinstudenten bereits in ihrer Ausbildung für das Thema zu sensibilisieren.

Interviews mit Ärztinnen und Ärzten haben gezeigt, dass Umweltaspekte im Zusammenhang mit der Verschreibung, Einnahme und Entsorgung von Arzneimitteln im beruflichen Alltag kaum eine Rolle spielen.

Die Studenten sollen sich umfassend mit dem Thema beschäftigen: Wie berät man besorgte Patienten? Welche sind umweltfreundliche Medikamente und welche sind besonders schädlich – und welchen Einfluss sollte dieses Wissen auf das Verordnen von Medikamenten haben? Wie werden Medikamente in Kläranlagen abgebaut? Wie sollte mit Restbeständen in den Arztpraxen umgegangen werden? Wie wird in anderen Ländern mit dem Thema umgegangen?

Was tun Politik, Gesundheitssystem und Pharmaindustrie?

Aber auch die Zulassung von Medikamente muss generell reformiert werden. Neue Wirkstoffe und Medikamente sollten umfangreicher auf ihre Gefahrenpotentiale für die Umwelt getestet werden. Und vor allem: Erweist sich ein Wirkstoff als besonders gefährlich, sollte er nicht zugelassen werden – das ist bislang nur selten der Fall.

Wasserfachleute plädieren für Vermeiden statt Herausfiltern.

In Schweden gibt es bereits seit 2003 ein Umweltsiegel für Arzneimittel. Verbraucher und Ärzte können schon auf der Packung erkennen, ob das gewählte Medikament, die Umwelt eher schützt oder schädigt.

Und auch der Alltag in Kliniken und Arztpraxen könnte sich ändern. Nach Röntgenuntersuchungen mit Kontrastmittel könnte man Patienten bitten, so lange in der Praxis zu bleiben, bis sie auf einer geeigneten Trenntoilette das Kontrastmittel wieder ausgeschieden haben.

Advertisements

15 Gedanken zu “Umweltschädliche Arzneimittel

  1. Pingback: Wasser fließt in Wasser fließt in Wasser: Gedanken zur Wasserqualität | Verrücktes Huhn - Neues aus dem wahren Leben

  2. Nur ein klitzekleiner Hinweis: Hausmüll wird nicht mehr deponiert. Arzneimittel aus der Restabfalltonne werden verbrannt. Rücknahmesystem über Apotheken können, müssen aber nicht stattfinden. Wir Verbraucher müssen nur sorgsamer mit Altarzneimittel umgehen und surfen sie nicht in en Ausguss oder die Toilette kippen. Siehe auch http://lebensraumwasser.com/2014/04/27/aufklarung-kann-umwelt-und-wasserqualitat-vor-arzneimittelruckstanden-schutzen/

    Gefällt 1 Person

  3. Danke für diese fachkundigen Hinweise und Links.Ich habs in den letzten Jahren immer mal wieder bei verschiedenen Apotheken versucht, die mich allesamt abwimmeln wollten. Dann hab ich eine ausfürliche Diskussion über Umweltverschmutzung angefangen und die gefragt, was ich sonst damit machen soll. Die meisten haben dann nachgegeben und meine Restbestände doch genommen. 🙂

    Gefällt mir

  4. Dankeschön fürs Augen öffnen! Zum Glück bin ich auf diesen guten Blog gestoßen.
    Muss mich wirklich lobend äußern. Alles schick gemacht und ebenfalls höchst interessant mit moralischem Hintergrund. Gefällt mir echt gut!
    Das etwas davon ins Grundwasser gelangt habe ich schoneinmal gehört und versuche auch seit Jahren Angehörige davon wegzubringen alte Medikamente falsch zu entsorgen.
    Und es ist immer wieder erschreckend wie viele Menschen sich überaupt nicht darum kümmern :0

    Gruß Florian

    Gefällt 1 Person

  5. Ich bringe unverbrauchte Arzneimittel immer in meine Apotheke. Ich muss nur die Tabletten vorher aus dem Blister drücken und Tabletten in Gläschen ausleeren, sodass sie wirklich die „puren“ Tabletten bekommen.

    Flüssigkeiten bleiben in den Fläschchen und werden so abgegeben.

    Normalerweise achte ich jedoch darauf, dass die Medikamente, die verschrieben werden, auch fertig genommen werden, damit es zu keinen Resten kommt. Natürlich ist das nicht immer möglich.

    Wichtig ist in dem Zusammenhang, dass man regelmäßig die Hausapotheke auf abgelaufene Medikamente durchschaut.

    lg
    Maria

    Gefällt mir

  6. Interessanter Bericht, interessanter Blog :-).
    Ich habe früher meine -meist abgelaufenen Medikamente – brav zur Apotheke gebracht,bis sie mich abwimmelten : ich solle erst die Blister und Umverpackungen entfernen – sie nehmen nur die Medikamente selbst! So weit so gut, kein Problem… Aber inzwischen gebe ich es gar nicht mehr ab, nach einer entsprechenden Bemerkung ihrerseits habe das Gefühl, es landet auch bei ihnen nur im Restmüll :-(. Zum Glück benötigen und haben wir-bis jetzt – kaum Medikamente, die besorgt, eingenommen oder entsorgt werden müssen. Aber die Pharmaindustrie verdient ein Vermögen und sollte sich gefälligst auch um die fachgerechte Entsorgung kümmern, oder? Liebe Grüße, Birthe

    Gefällt mir

    • Danke für dein Lob.
      Die Strategie „so wenig wie möglich Medikamente zu kaufen“, ist natürlich die Beste – leider nicht für jeden umsetzbar. Aber ich hab auch angefangen, nicht mehr alles auf Vorrat zu Hause haben zu müssen (als gelernte Krankenschwester gar nicht so einfach, da wird einem das irgendwie in der Ausbildung mit eingeimpft). Aber ich kauf jetzt auch nur noch das Nötigste auf Vorrat (Fieberzäpfchen fürs Kind, Kopfschmerztabletten).

      Gefällt mir

  7. Was mir noch dazu einfiel: Die Kommunikation in Arztpraxen sollte sich ändern. Häufig werden Medikamente prophylaktisch verschrieben oder weil der Arzt (z.B. bei Erkältungen) das Gefühl hat, dem Pastient irgendwas verschreiben zu müssen, damit der nicht „umsonst“ 2 Stunden im Wartezimmer gesessen hat. Als mein Sohn z.B. einmal eine starke Erkältung mit leichtem Durchfall hatte, haben wir vom Kinderarzt 5 (!!) Medikamente verschrieben bekommen, die wir im Fall einer Verschlechterung anwenden sollten (Prophylaxe, damit wir nicht noch mal wieder kommen). Wir haben davon nur ein einziges (ein Nasenspray) für 2 Tage benutzt, der Rest lagert seit dem bei uns im Schrank (bis er irgendwann entsorgt werden muss).
    Klar, man ist ja mündiger Patient und hätte auch ablehnen können. Aber gerade als besorgte Eltern will man ja dem Kinderarzt vertrauen und denkt, der wird schon wissen, was er tut.

    Gefällt mir

  8. Liebe Bloggerfreunde, bitte fragt mal in eurer Rücknahme-Apotheke was dort mit den Arzneimitteln geschieht, die ihr dort abgebt. Es würde mich wundern, wenn die Arzneimittel nicht in einem Gewerbeabfallbehältnis zwischengelagert und vom Entsorger abgeholt werden. Dieser gibt sie dann bei der Müllverbrennungsanlage ab, wo sie verbrannt werden (MBA sind tatsächlich eine Besonderheit). Dieser Weg verursacht dem Apotheker nicht nur Mehraufwand für die Annahmezeit und Lagerung, sondern auch die Entsorgungsgebühren. Deshalb haben viele Apotheker kein Interesse daran.

    Gefällt mir

Kommentieren

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s