Innovative Mobilitätskonzepte im ländlichen Raum

Der demografische und strukturelle Wandel trifft vor allem den ländlichen Raum. Bevölkerungsabwanderung oder Schrumpfung bedeutet dann Infrastrukturverlust oder gezielte Einsparungen in der Versorgungsstruktur. Rückbau und Schrumpfung sind die aktuellen Schlagworte im Regionalmanagement. Gleichzeitig stehen die Kommunen unter immensen Spardruck, können die Kosten für Straßen und den ÖPNV kaum noch abdecken.

Der kleinen Tante-Emma-Läden oder Konsum hat bereits vor Jahren dicht gemacht. Zum Arzt, zum einkaufen, zur Bank, zur Post, zum Amt, zur Reinigung – muss man in den nächst größeren Ort, die nächst Stadt pendeln. Gerade die heutige Generation 75+, von denen ein Großteil nie einen Führerschein hatte oder aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr hat, steht hier vor einer Herausforderung. Natürlich helfen Familie, Freunde und Nachbarn mit dem Auto mal aus – aber von einer eigenständigen Versorgung ist man oft weit entfernt. Denn oft ist der einzige Bus, der noch fährt der Schulbus. Morgens um 7 in die eine Richtung, nachmittags halb 3 in die andere. Für ältere Menschen ist das eine Zumutung. Schüler und Pendler haben nun mal andere Mobilitätsbedürfnisse als Senioren.

Klar, der mobilen Bäcker, Fleischer, fahrende Händler und der Bofrostmann springen in die Lücke. Aber längst haben Kommunen, Bürgerinitiativen und auch Unternehmen das Problem, aber auch Potential von innovativen Mobilitätskonzepten im ländlichen Raum erkannt. Vernetzte Mobilität, gemeinschaftliche Nutzungsformen sowie flexible Formen des ÖPNV – Ideen gibt es bereits viele.

Im Folgenden findet ihr daher eine kleine Ausfall an best-practice-Beispielen, die zeigen, dass es auch anders geht:

 

Bürgerbus

Bürgerbusse gibt es bereits seit den 80er Jahren. Kleinbusse decken Routen ab, die das regionale öffentliche Verkehrsnetz eher schlecht bedient. Das Besondere: Ehrenamtliche Bürger fahren die Busse kostenlos, viele Konzepte werden auch über Spenden und Mitgliedsbeiträge finanziert.

Mittlerweile gibt es bereits flexiblere Modelle, die nicht nach festem Fahrplan, sondern auf Anruf bedarfsorientiert los fahren und ähnlich wie Taxis den Benutzer direkt vor der Haustür abholen. Die Kommunikation erfolgt bei einigen inzwischen sogar über SMS oder soziale Netzwerke.

Der Bürgerbus Hoher Fläming e.V. wurde z.B. in Brandenburg im Zuge des EU LEADER Projekts etabliert. Der Verein hat darauf geachtet, Bürger gezielt nach ihren Bedürfnissen anzusprechen, auf Bürgerversammlungen für das Angebot zu werben und zahlreiche regionale Akteure mit in das Projekt einzubeziehen. Denn ein Mobilitätskonzept was auf bürgerschaftlichen Engagement beruht, braucht viel Organisation und Durchhaltevermögen.

 

Der REWE Einkaufswagen in Kulmbach

Seit April 2014 fährt in Kulmbach einmal in der Woche ein Kleinbus in Stadtviertel, die vom lokalen ÖPNV schlecht abgedeckt sind. Der Bus fährt seine Fahrgäste für 1 Euro direkt zum REWE Supermarkt und bringt sie mit samt ihrer Einkäufe auch wieder zurück nach Hause. Das Projekt ist momentan noch in der Pilotphase.

„Leider nutzen diesen Service nicht so viele Kunden, wie man erwartete. Trotz der geringen Resonanz möchte man die Testphase weiterlaufen lassen und die bereits intensive Werbung für den Busservice noch mehr verstärken.“

sagt Ursula Egger von der REWE-Group.

Das Beispiel verdeutlicht, dass auch Unternehmen und lokale Wirtschaftsakteure durchaus ein Interesse an innovativen Mobilitätskonzepten haben können. In Kulmbach liegt der Altersdurchschnitt bereits heute weit über dem Landesdurchschnitt, ein weiterer Bevölkerungsrückgang und Überalterung ist für die kommenden Jahre prognostiziert (vgl. https://www.statistik.bayern.de/statistik/kreise/09477.pdf). Die lokale Wirtschaft hat demnach richtig erkannt, dass sie die ältere Zielgruppe forcieren und unterstützen muss, um sie als Kunden zu halten. Und gerade beim Einkaufen brauchen viele ältere Menschen Hilfe. Die Kartoffeln noch quer durch die Stadt bis zum Busbahnhof schleppen? Für viele undenkbar. Vom REWE Einkaufsbus profitieren also das Unternehmen und der Kunde.

REWE Einkaufsbus

Private Mitnahmesysteme

Lokale Mitfahrzentralen schließen die Lücke zwischen freier Kapazität in Privat-PKWs und Menschen, ohne eigenes Auto. Interessierte können sich über spezielle Websites, soziale Netzwerke aber auch lokale Systeme (Kennzeichen am Auto, zentrale Mitnahmepunkte, lokale Mobilitätszentrale) zusammenschließen.

Als Beispiel sei hier die HÖRI-MIT-Initiative auf der Halbinsel Höri am Bodensee aufgeführt:

„Sie nutzt die Bushaltebuchten für spontane Mitfahrten auf der Strecke. Mitfahrwillige machen durch einen Ausweis, mittels eines Stoffbeutels mit aufgedrucktem Logo der Gemeinschaft oder bei Dunkelheit mit einem reflektierenden Leuchtband auf sich aufmerksam. Mitglied kann man durch Online-Registrierung werden. Aber auch die Bürgerämter in den Rathäusern nehmen Registrierungen für HÖRI-MIT vor.“

(http://hoeri-mit.de/wp-content/uploads/Dokumentation__-Warum-nicht-mitfahren.pdf)

 

Daneben gibt es natürlich noch zahlreiche Ideen im Bereich innovative Nahversorgung, flexible stationäre Dienstleistung und mobile Dienstleistungen. Für entsprechende gute Beispiele ist ein gesonderter Blogbeitrag geplant.

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3 Gedanken zu “Innovative Mobilitätskonzepte im ländlichen Raum

  1. Gibt es auch Statistiken darüber, ob auf dem Lande inzwischen auch mehr online gekauft wird? Nicht nur per Biokiste kann man sich die Einkäufe inzwischen ja auch nach Hause liefern lassen. Natürlich kann man fragen, wie nachhaltig für die Umwelt das ist. Aber der nächsten Rentnergeneration wird das Versorgungsproblem vermutlich schon wegen dem Internethandel nicht entstehen… oderr?

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