Ende einer Jugendliebe

Ich kündige mein SPIEGEL-Abo.

Meine letzte Amtshandlung als SPIEGEL-Abonnent: Ich empfehle Euch den Artikel „Inventur de France“ (Nr. 30/ 21.07.2014). Den Artikel gibt es nicht online, vielleicht in ein paar Wochen oder Tagen. Es ist ein Artikel für den ich den SPIEGEL früher geliebt habe. Lange und ausführlich recherchiert, eine Beobachtung. Weniger Gesellschaftskritik als gesellschaftsbetrachtend. Ohne Parolen und vorgegebene Meinung. Fern ab von allen Mainstream-Themen, die sonst gerade Zugriffszahlen oder Absatz bringen. Früher war DER SPIEGEL voll von solchen Artikeln, heute gibt es sie noch. Wenn man Glück hat, pro Ausgabe einen.

Eine Institution

DER SPIEGEL wird bei uns gelesen, solange ich mich erinnern kann. Ich glaube, es war eine der ersten Freiheitshandlungen meiner Eltern nach der Wende: Ein SPIEGEL-Abonnement abschließen. Ungefähr mit 12 Jahren hab ich das erste Mal selbst im SPIEGEL gelesen. Später tobte bei uns jeden Montagabend ein 3-Generationen übergreifender Kampf darum, wer die Zeitschrift als erstes lesen durfte.

In der Redaktion der Schülerzeitung haben wir jede Woche über die Hauptartikel diskutiert und davon geträumt, einmal Preisträger beim SPIEGEL Schülerzeitungspreis ausgezeichnet zu werden. Natürlich waren wir nicht immer mit allem einverstanden, was DER SPIEGEL schrieb. Dann haben wir empörte Leserbriefe geschrieben (noch immer bin ich Rekordhalter mit 4 abgedruckten Leserbriefen). Und als ich von zu Hause auszog, konnte ich mir ein Leben ohne Montags-Lektüre nicht vorstellen und investierte mein erstes Ausbildungsgehalt in ein eigenes Abonnement.

SPIEGEL kündigen

Qualität geht den Bach runter

Ich habe den SPIEGEL immer von hinten nach vorn gelesen, weil mich Kultur, Gesellschaft und Wissenschaft meistens mehr interessierten als Wirtschaft und Auslandspolitik. Doch gerade meine Lieblingssparten sind aktuell für mich kaum noch lesbar. Die Qualität hat nachgelassen. Die Artikel und Interviews zu psychologischen Themen, beispielsweise, haben mich am Anfang sehr interessiert. Irgendwann nahmen sie jedoch überhand und -als ich auch beruflich stärker mit psychisch erkrankten Menschen zu tun hatte- wurde mir klar, dass sie häufig fachlich schlecht recherchiert und nicht korrekt waren. Eher galt das Motto: Mord und Totschlag zieht immer.

Der Gesellschafts- und Kulturteil ist inzwischen in seiner Qualität häufig dem Vorurteil „Bildzeitung für Möchtegernintellektuelle“ nahe. Es geht um B-Promis, die Fehler anderer Medien und royale Herzensangelegenheiten. Unkonventionelle, zukunftsweisende Projekte oder Menschenportraits sind quasi verschwunden. Die Bildzeitungseinflüsse und aggressive Hetze ist inzwischen deutlich spürbar.

Ein peinlicher Freund

DER SPIEGEL war eine prägende Institution für mich. Und ich bin ihm lange treu geblieben, als Freunde und Verwandte schon längst enttäuscht gekündigt hatten. Und natürlich ist es in dieser Woche leicht gegen den SPIEGEL zu schimpfen. Nach dem absurden reißerischen Titelbild, auf dem die Toten von MH17 zur Anti-Putin-Propaganda missbraucht werden, gibt es großen Protest gegen den SPIEGEL und zahlreiche Kündigungs-Aufrufe. Noch peinlicher der Umgang des SPIEGELS mit der Kritik (http://www.stefan-niggemeier.de/blog/18500/wie-der-spiegel-mit-dem-vorwurf-der-kriegshetze-umgeht/) . So richtig schockieren konnte mich der Skandal aber eigentlich nicht mehr. Ich habe mein Abo bereits vor 2 Wochen gekündigt und irgendwie bereits damit abgeschlossen.

Michael Seemann (@mspro) twitterte diese Woche:

„die piratenpartei ist wie ein freund aus frühen zeiten, der sich zum volltrottel entwickelt hat und einem nur noch peinlich ist.“

So geht es mir mit dem SPIEGEL. Ich bin nicht wirklich wütend, habe eher Mitleid – was aber auch keine gute Voraussetzung dafür ist, jemals wieder Respekt zu erlangen. Vielleicht habe auch nur ich mich in eine andere Richtung entwickelt, eine gemeinsame Zukunft kann es dennoch vorerst nicht geben.

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2 Gedanken zu “Ende einer Jugendliebe

  1. Ich weiß um ehrlich zu sein nicht, wie der Spiegel früher war – aber heute würde ich ihn nicht lesen wollen. Die Kritik von Stefan Niggemeier (und auch im Bildblog) spricht da wirklich Bände, ist aber leider nur die Spitze des Eisbergs.

    Lieber in eine andere/bessere Zeitschrift investieren oder die Zeit anderweitig nutzen. 🙂

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  2. So endete auch meine Jugendliebe zum SPIEGEL vor kurzem. Und was ist nun die Alternative? Für mich ein Tablett um Blogs und Online-Artikel zu lesen, nachdem ich festgestellt habe, dass ich viele Print-Inhalte schon „aus dem Internet“ kannte!

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