Was man als Bürgermeister alles gut machen kann…

Heute: Reykjavik

Vier Jahre war der Kabarettist und ehemalige Punkrocker Jón Gnarr Bürgermeister von Islands Hauptstadt Reykjavík. Trotz großer Zustimmung in der Bevölkerung und überraschender Erfolge trat er letzten Samstag nicht wieder zur Wahl an, sondern löste seine „Beste Partei“ auf.

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Islands Hauptstadt Reykjavík war in den letzten Jahren das große Vorbild aller Partizipationsanhänger und Kämpfer gegen die Politikverdrossenheit. Als wir im Studium den Wahlspot der Besti Flokkurinn (http://www.youtube.com/watch?v=jawkooeWouc) sahen und ausführlich im Modul „Politische Prozesse als Partizipationsprozesse und Moderation von Interessen“ den Wahlkampf von Jón Gnarr diskutierten, waren wir allesamt Feuer und Flamme und wollten am liebsten kollektiv nach Reykjavík auswandern.

Seine Forderungen u.a.:

–          Gratishandtücher in Schwimmbädern

–          einen Eisbären im Zoo

–          ein Disneyland mit wöchentlichem Gratiseintritt für Arbeitslose

–          ein drogenfreies Parlament bis 2020

waren einerseits Satire, wie man sie bei zahlreichen Spaßparteien findet. Anderseits ging es Island in der damaligen Wirtschaftskrise, welche die etablierten Parteien nicht verhindern konnten, so schlecht, dass es nur besser werden konnte. Und so entschieden sich die Reykjavíker für die Beste Partei, einen Zusammenschluss aus Künstlern und Intellektuellen. 

Politik kann Spaß machen

Jón Gnarr hatte es bei weitem nicht einfach (ein wirklich gutes Resumee über seine Amtszeit auf http://www.tagesanzeiger.ch/ausland/europa/Mehr-Punk-weniger-Hoelle-/story/25977893 ). Aber wenn er diesen Monat das Rathaus von Reykjavík räumt, hinterlässt er Islands Hauptstadt nicht nur eine stabilisierte Wirtschaftslage, sondern ganz generell Hoffnung darauf, dass es auch anders geht.

Gnarr hat es in vier Jahren geschafft, ein funktionierendes Partizipationssystem in Reykjavík zu etablieren. Neben einem digitalen Bürgerhaushalt hat er die digitale Bürgerbeteiligungsplattform Besseres Reykjavík (isl. Betri Reykjavík; www.betrireykjavik.is) geschaffen, die von den Bürgern begeistert genutzt wird.

„Auf der Webseite können Bürger Ideen vorschlagen, wie man aus ihrer Stadt eine bessere machen könnte: z.B. durch Geschwindigkeitsbegrenzungen, Renovierungen von Kindergärten oder längere Öffnungszeiten im Schwimmbad. Diese Vorschläge können von allen Nutzern kommentiert und befürwortet oder abgelehnt werden. Die fünfzehn beliebtesten Ideen werden jeden Monat vom Stadtrat auf ihre Umsetzbarkeit geprüft  und jeder Schritt im Entscheidungsprozess auf der Webseite sichtbar gemacht.“ (http://www.demokratie-goettingen.de/blog/island-ungewohnliche-reaktionen-auf-die-krise)

Jetzt müssen die etablierten Parteien sich beweisen

Trotz oder vielleicht gerade weil Jón Gnarr nach vier Jahren keine Lust mehr auf die harte Arbeit der Politik hat und stattdessen lieber mal wieder was anderes machen will, hat er alle Sympathien und einen Platz in der politischen Geschichte sicher.

Jón Gnarrs Wahlempfehlung die Partei “Helle Zukunft” hat übrigens letzten Samstag bei weitem nicht so viele Stimmen geholt, wie es vielleicht die „Beste Partei“ geschafft hätte. Mittlerweile hat sich eine Koalition aus Sozialdemokraten, Links-Grünen, Piraten und Heller Zukunft gebildet, die im Stadtrat eine sichere Mehrheit haben. Insofern kehrt wieder etwas Normalität ein im Rathaus von Reykjavík. Bleibt zu hoffen, dass das neue Politikverständnis und die aufrechte Kommunikation als Hinterlassenschaft von Jón Gnarr noch lange Teil von Islands Politik bleiben.

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2 Gedanken zu “Was man als Bürgermeister alles gut machen kann…

  1. Mit meinem persönlichen Punkrocker mache ich täglich auch ausschließlich gute Erfahrungen – aber Spaß beiseite: Da kann man mal sehen, wie wertvoll der berühmte Blick von außen ist. Hut ab vor den eigentlich konservativen Wählern, die einer Idee – aus einem Gag heraus geboren – eine ernsthafte Chance gaben. Nichts konservatives, nichts nationalistisches, nichts extrem politisch ausgerichtetes – sondern etwas Neues, mit Freude und Begeisterung und diesem Blick von außen 🙂

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  2. Wahrscheinlich hat Jón Gnarr genau rechtzeitig aufgehört, um nicht so zu werden, wie so viele andere Politiker, denen am Ende ihr Amt wichtiger ist, als die Inhalte und ihre ursprüngliche Überzeugung. Spannend bleibt nun, wie die anderen Parteien daran anknüpfen.

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