Was man als Bürgermeister so alles falsch machen kann…

Heute: Die Eiche in Nöbdenitz

Die 1000jährige Eiche in Nöbdenitz weckte das Engagement der Bürger.

Die 1000jährige Eiche in Nöbdenitz weckte das Engagement der Bürger.

Wie sagte meine Freundin L. letztens so schön: „Im Studium klang das mit der Partizipation immer klasse. Seit ich im Regionalmanagement arbeite, weiß ich, ohne Bürgerbeteiligung ist es doch einfacher. Und die lieben Bürger haben teilweise gar keinen Bock…“

Ja, viele Organisatoren von Regionalkonferenzen, runden Tische und Open-Space-Veranstaltungen in diesem Land wissen, dass in dieser Aussage zumindest ein kleiner wahrer Kern steckt.

Den Bürger und auch die Bürgerin interessiert die konkrete Ausgestaltung der Kommune und Region nur in groben Zügen. Infrastruktur, soziale Leistungen und die eigene Arbeit sollen gesichert sein. Manche wagen noch Zukunftsvisionen und große Pläne für die Stadt. Kommen aber Vorschriften und Paragraphen ins Spiel, überlässt man die Mühen der Umsetzung dann aber doch vertrauensvoll den zuständigen Behörden und den eigens dafür gewählten Volksvertretern.

Verkehrssicherungspflicht vs. Kulturgut

Bereits in der Vergangenheit musste das Naturdenkmal gestützt werden.

Bereits in der Vergangenheit musste das Naturdenkmal gestützt werden.

Das dachte sich wahrscheinlich auch Bürgermeister R. aus Nöbdenitz in Thüringen, als er kürzlich verantwortungsbewusst ein Gutachten zur Verkehrssicherungspflicht über einen maroden Baum in Nöbdenitz kommentarlos zur Kenntnis nahm und sich an die Arbeit machte, die darin enthaltene Empfehlung: „Baum fällen“ umzusetzen.

Leider handelt es sich bei diesem Baum, der da gefällt werden sollte, nicht um irgendeinen Baum, sondern um das Wahrzeichen von Nöbdenitz: die 1000-jährige Eiche – älteste Stieleiche von Europa. Drei Tage bevor Bürgermeister R. den Beschluss zum Fällen dieses Kulturerbes durch den Gemeinderat verabschieden lassen wollte, sickerte die Information zu den Bürgern von Nöbdenitz durch. Und siehe da: Man möchte bei solch grundlegenden Entscheidungen beteiligt werden.

Bürgerbeteiligung bottom-up

Die Nachricht verbreite sich wie ein Lauffeuer. Inzwischen ist das halbe Dorf auf den Barrikaden. Innerhalb von 24 Stunden wurden bundesweit relevante Medien wie die DPA, das ZDF, der MDR und der Focus auf die Sache aufmerksam. Die Naturschutzbehörde berichtet, dass täglich Anrufer aus ganz Deutschland darum flehen, die Eiche zu verschonen. Ein Spendenkonto und eine Facebook-Seite wurden eingerichtet und mehrere Experten wollen sich dem Baum annehmen und zu seiner Rettung beitragen. Mittlerweile wurde „das Ende der Eiche“ auf Eis gelegt und eine lokale Arbeitsgruppe gebildet, die sich partizipatorisch um Alternativen zur Kettensäge bemühen soll.

Leider lässt sich dieses Szenario bei weitem nicht auf alle relevanten Probleme übertragen. Auch in Nöbdenitz ist manch engagierter Akteur entsetzt, was man auf einmal für Kräfte mobilisieren kann. Man braucht sich keine Illusionen zu machen. Andere brennende Themen wie den Strukturabbau oder den demografischen Wandel werden die Nöbdenitzer weiterhin ihren strapazierten Lokalpolitikern überlassen. Sicher könnte man auf die aktuell entstandene Kommunikation zwischen den Bürgern und das gebildete Netzwerk aufbauen und weitere Arbeitsgruppen und Engagementstrukturen etablieren. Doch dazu bräuchte es einen Bürgermeister oder ein Regionalmanagement, was an die Wirkung von Beteiligungsstrukturen glaubt.


 

Mehr zum Thema 1000-jährige Eiche und was damit werden soll gibt es auf der Facebook-Gruppe „Eure Stimme zum Erhalt der 1000jährigen Eiche“

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8 Gedanken zu “Was man als Bürgermeister so alles falsch machen kann…

  1. Ein sehr treffender Artikel. Sicher kann man nicht mit jedem Thema jeden aus der Stube locken. Dem einen ist das Schlagloch vor der eigenen Haustür wichtiger als der Erhalt der Schule, dem anderen die Fällung eines Naturdenkmals so egal wie die Schließung der einzigen Einkaufsmöglichkeit für Lebensmittel im Ort. Es geht auch grundsätzlich um Informationsweitergabe an die Bürger – und die können dann entscheiden, wo sie sich engagieren und mit wie viel Kraft. So wird Engagement sachdienlich und gemeinschaftlich 🙂 LG Maja

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  2. Ist das Engagement – und sei es durch einen Zufall wie diesen – erst einmal da, sollte es von der Gemeinde klug genutzt werden. Ich bin gespannt, wie sich die Sache mit der Nöbdenitzer Eiche weiter entwickelt. (Schaut man in die erwähnte Facebook-Gruppe wird klar, dass auch viele Nicht-Nöbdenitzer sich leidenschaftlich für diesen Baum engagieren. Auch da sollte man überlegen wie man diese Menschen mit einbeziehen kann).
    LG, Marlene

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    • Guter Gedanke. In europäischen Zeiten, sollte man erwägen, dass europäisches Kulturgut womöglich nicht nur die Nöbdenitzer etwas angeht. Vielleicht gibt es sogar Stiftungen oder Fördermittel, die für die Eiche relevant sein könnten. Die deutsche Bundesstiftung Umwelt befasst sich z.B. mit dem Thema Kulturgüter und ist bei der Förderung von Naturschutzprojekten breit aufgestellt. Und sicher gibt es noch mehr – leider kenn ich mich im Umweltbereich zu wenig aus.

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  3. Pingback: Eine 1000jährige Eiche und was man als Bürgermeister falsch machen kann | regional | im | puls – Blog

  4. Hat dies auf Verrücktes Huhn – Neues aus dem wahren Leben rebloggt und kommentierte:

    In einem kleinen Dorf in Ostthüringen haben Bürger in den vergangenen drei Wochen eine Welle der medialen, digitalen und analogen Aufmerksamkeit losgetreten – zur Rettung eines uralten Baumes, der laut eines Gutachtens die Verkehrssicherheit gefährde. Es ist erstaunlich und faszinierend zu beobachten, wie alle Politikverdrossenheit und Gleichgültigkeit so schnell weggefegt werden können, wie sich eine Nachricht plötzlich viral verbreitet und wie sich Bürger – vom Kindergartenkind bis zur Rentnerin – plötzlich für den Erhalt eines lieb gewonnenen Wahrzeichens und Naturdenkmals einsetzen. Schön zusammengefasst hat den Fall Antonia (ja, die, die auch hier beim Verrückten Huhn bloggt) in ihrem neuen Blog Förderband Nachhaltigkeit, der sich mit Bürgerbeteiligung, Regionalentwicklung und Finanzierungsmöglichkeiten für nachhaltige Projekte befasst. Den Artikel möchte ich gern auch hier mit euch teilen:

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  5. Pingback: Kinder und Ehrenamt: Wie fördert man gemeinnütziges Engagement von kleinauf und wie lernen wir “nein” zu sagen? | Verrücktes Huhn - Neues aus dem wahren Leben

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